Review: Wo immer du bist by Cylin Busby

Sonntag, 22. Juni 2014

Bastei Lübbe (Boje) / Link zum Buch / Blogg dein Buch

Nach einem Mountainbike-Unfall landet der 17-jährige West im Krankenhaus – er kann nicht sprechen, sich nicht bewegen und muss befürchten, für immer gelähmt zu bleiben. Ans Bett gefesselt bekommt er nachts Besuch von Olivia, die im Zimmer nebenan liegt. Das Mädchen fasziniert und verunsichert ihn gleichermaßen, Nacht für Nacht wartet er auf sie. Als es West besser geht, zeigt Olivia ihm im Internet, wer sie früher war: eine leichtfüßig tanzende Ballerina. Warum sie nun schon so lange im Krankenhaus ist, will sie ihm allerdings nicht erzählen...“

***

Ich möchte gleich zu Beginn sagen, dass ich absichtlich nicht den gesamten Klappentext hier eingefügt habe, da er doch ziemliche Spoiler enthält und auch bei der Handlung sehr weit aufholt. Kennt man den Klappentext auch nur zur Hälfte, weiß man schon mehr, als der Protagonist in diesem Buch und ist ihm weit voraus. Mein erster Gedanke war ja, dass mich diese Geschichte sehr an den Film „So lange du da bist“ erinnert, aber mit fortgeschrittener Handlung zeigt sich hier doch ein anderer Weg. Nichtsdestotrotz finde ich es mutig von der Autorin, das Thema aufzunehmen und so umzusetzen – nämlich die Frage, was bekommen Wachkomapatienten wirklich von ihrer Umgebung mit. Aber auch wie sich ihre Zukunft entwickeln kann – welche Möglichkeiten gibt es für Wachkomapatienten, wo liegen die Unterschiede, etc.

Erzählt wird aus der Perspektive von West, der nur langsam aus einem tiefen Schlaf aufwacht und erst gar nicht versteht was da um ihn herum passiert. Er bekommt nur Ausschnitte mit, bevor ihn der Schlaf wieder einholt. Nur langsam werden seine Wachphasen länger und er beginnt sich zu erinnern wer er war und was passiert ist. Zur Seite steht ihm dabei Olivia, die lebenslustig und fröhlich wirkt, trotz der gedrückten Stimmung. Ich habe das Buch an einem Nachmittag ausgelesen, aber es hat mich noch lange danach beschäftigt. Wobei ich das vielleicht konkretisieren sollte, denn mich hat nicht das Buch selbst so gefesselt und die Charaktere, dass ich sie nicht aus dem Kopf bekam, sondern die Thematik an sich und die Überlegung, was Wachkomapatienten alles wahrnehmen und woran sie sich erinnern können ohne dass dem Außenstehenden das klar ist.

Es ist schwierig hier nicht zu viel zu verraten, aber mir fehlten grundsätzlich die Höhe- und Tiefpunkte. West muss viel verarbeiten, nicht nur den Unfall betreffend, sondern auch was seine Zukunft angeht. Dabei möchte man meinen, dass die Emotionen außer Kontrolle geraten und es auch zu Stimmungsschwankungen kommt. Das war aber nicht der Fall und vielmehr befinden wir uns gefühlsmäßig immer auf einem Niveau. Auch die Handlung verlief lange vorhersehbar, es gab kaum Überraschungen oder Momente der Verbundenheit zur dieser Tragik. Die Autorin bleibt distanziert, nicht nur Wests Gefühlen, sondern auch bei der Bindung zwischen Leser und Protagonisten.

Schlussendlich blieb für mich vieles aber nur oberflächlich angesprochen. Ich hätte gerne mehr gewusst, vielleicht den Blickwinkel eines Familienmitgliedes oder Freundes erfahren. Überhaupt war der Einblick in diese Thematik nicht sehr tief. In einem Punkt würde ich sogar sagen, dass der Ansatz komplett falsch war – denn welche Therapeutin sagt einem Patienten, der aus dem Wachkoma erwacht ist, was er wirklich erlebt hat und was nicht? Woher soll sie es besser wissen? Es hat mich sogar verärgert, dass hier alles als Lehrbuchfall verpackt werden soll, wenn es auf diesem Gebiet doch noch so viele offene Fragen gibt und wie und die Geschichte auch gezeigt hat, unterschiedliche Reaktionen und Erlebnisse bei diesen Patienten. Das wäre mehr Einfühlungsvermögen von Seiten der Autorin nötig gewesen und nicht diese Distanz, die sie aufrecht hält.

Ihr seht also, die Geschichte war anders als erst erwartet und in ihrer Thematik sehr interessant für mich. Leider blieb die Autorin an der Oberfläche und sorgte damit, dass ich unzufrieden zurück blieb. Das Ende ist ein weiterer Punkt, der für viele Leser ausschlaggebend sein wird, ob sie das Buch mögen oder nicht. Die erwartete Liebesgeschichte war für mich nicht vorhanden, Freundschaft ja, aber als Liebe würde ich das nicht bezeichnen. Gewisse künstlerische Freiheiten nimmt sich jeder Autor, egal bei welchem Thema, aber hier spiegelt sich doch die Realität wider und welche Möglichkeiten es gibt. Diese Realitätsnähe ist gut geschildert, aber auch bedrückend. Aber genau das war nötig, damit die Geschichte nicht ins Kitschige abrutscht.

Kommentare:

  1. Ich war auch nicht so überzeugt, dafür hatte das Buch zu viele Längen und das Ende hat mir überhaupt nicht gefallen.
    LG Desiree

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich fand das Ende realistisch, aber persönlich auch eher unbefriedigend. Das hängt aber auch damit zusammen wie sich West dann noch verhalten hat... Schade, dass es für uns beide nicht das Wahre war!
      Liebe Grüße, Melli

      Löschen
  2. Ich hab mich absichtlich gespoilert, was das Ende betrifft und das Buch dann gleich von vorneherein für mich ausgeschlossen... ;)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. War wahrscheinlich eh das Beste - du wirst nicht die Einzige sein, die auf dieses Ende lieber verzichtet!

      Löschen